Welche und wie viele brauchen Sie?

Work_Life_Balance_Soziale_KontakteStellen Sie sich einfach einmal vor, Sie hätten keine Freunde, keine Bekannten, wären in keinem Verein, gingen auf keine Partys, Sie hätten keine Verwandten und nicht einmal ein Haustier. Fragen Sie sich, wie lange Sie es aushalten würden, ein Leben ohne jeglichen sozialen Kontakt zu führen. Wie lange würden Sie es aushalten und sich dabei noch wohl fühlen?

Die Antworten auf diesen sogenannten Deprivationstest liegen auch in meinen Seminaren oft weit auseinander. Manche halten es einen Monat aus, andere kaum einen Tag. Aber die meisten von uns wissen ganz genau, wann der Punkt gekommen ist, an dem sie sich unwohl fühlen, an dem ihnen etwas zu fehlen beginnt.

Es ist eine belegte Tatsache, dass der Mensch soziale Kontakte braucht, damit es ihm gut geht. Beraubt man ihn dieser Kontakte, so wird er mit Sicherheit krank und stirbt letztlich sogar daran, wie viele Tierversuche – und leider auch Menschenversuche – ausreichend belegt haben. Babys, die man mit ausreichender und bester Nahrung, aber ohne jeglichen Sozialkontakt aufwachsen lies, starben alle innerhalb weniger Monate, nachdem das Immunsystem zusammenbrach. Wir wissen genau, wie schlimm Deprivation ist und verwenden dieses Wissen auch heute noch, z.B. bei der Einzel- oder Isolationshaft.

Der menschliche Geist ist einfach nicht dafür geschaffen, ohne jeden sozialen Kontakt funktionsfähig, ja sogar überlebensfähig zu bleiben. Viele meiner Coaching Teilnehmer klagen:

  • „Meine alten Freunde sagen mir immer öfter: Dich brauchen wir ja gar nicht mehr anzurufen, wenn wir etwas unternehmen wollen, Du kannst sowieso nie.“
  • „Wenn es hart auf hart kommt, und der Stress bei der Arbeit mal wieder überhandnimmt, sind private Termine meist die ersten, die gestrichen oder verschoben werden.“
  • „Man kann Freunde nicht endlos vertrösten, wenn mal wieder etwas dazwischen gekommen ist. Irgendwann schläft selbst die beste Freundschaft ein“

Sollen wir diesen „Preis der Arbeit“ schulterzuckend bezahlen? Das können wir nicht! An dieser Stelle ist unser modernes Leben aus der Balance geraten. Meine Coachingklienten und Seminarteilnehmer sagen es oftmals ganz deutlich:

  • „ Es fehlt etwas, wenn ich mein Leben nicht mit guten Freunden teilen kann“
  • „Ich habe das Gefühl, das Leben wird ärmer“
  • „Was nützt mir der Erfolg im Beruf, wenn ich keinem davon erzählen kann“
  • „In meiner alten Clique fühle ich mich inzwischen außen vor.“

Meist spüren wir erst, wie weh das tun kann, wenn Stress und Hektik bei der Arbeit sich gelegt haben, wenn es etwas ruhiger geworden ist und man dann plötzlich feststellt, dass die Kontakte eingeschlafen sind und im Grunde das Leben nur noch aus Arbeit und Familie besteht.

Soziale Kontakte sind wie Autos: Wenn wir sie nicht warten und pflegen, springen sie irgendwann nicht mehr an!

In dem Buch „Work-Life-Balance So bringen Sie Ihr Leben (wieder) ins Gleichgewicht“ haben wir (Heike M. Cobaugh und Susanne Schwerdtfeger) eine Checkliste zur Disbalance Analyse vorgestellt. Schnell können Sie somit erkennen, wie schwer ihr persönliches Gleichgewicht bereits gestört ist. Oft wissen wir jedoch bereits im Vorfeld, dass das Leben ganz ohne Freunde und soziale Kontakte unbefriedigend ist und uns etwas fehlt, wir schaffen es jedoch einfach nicht, daran etwas zu ändern. Sehen wir uns die häufigsten Hinderungsgründe einmal genauer an.

 

Der Entweder-oder-Irrtum

Viele Menschen glauben, dass sich Erfolg im Beruf und ein intakter und aktiver Freundeskreis gegenseitig ausschließen, dass man entweder Erfolg im Beruf haben könne oder ein erfülltes soziales Leben. Die soziale Verarmung sei halt der Preis, den man in unserer modernen Leistungsgesellschaft dafür zahlen müsse. Die Wahl lautet also: Karriere oder Freunde.

Doch diese Wahl stellt sich nicht! Im Leben und in der Natur gibt es nur sehr selten ein Entweder-oder. Man kann sehr wohl zehn Stunden arbeiten und daneben auch einen Freundeskreis pflegen. Nehmen Sie Abschied von der künstlichen Trennung „entweder Beruf oder Freundeskreis“ und denken Sie sowohl – als auch!

 

Kein unbegrenztes Verständnis

Vielleicht glauben Sie ja, dass Ihre Freunde ein unbegrenztes Verständnis aufbringen müssten für Ihre berufliche und familiäre Situation. So nach dem Motto: „Ich pflege sie nicht, aber sie sollten trotzdem meine Freunde bleiben!“ Das ist allerdings eine recht naive Erwartung. Was würden Sie denn von einem Freund halten, der sich monate- oder gar jahrelang nicht meldet? Der nicht einmal zehn Minuten Zeit findet, sich telefonisch zu melden oder einmal kurz anzurufen?

Wägen Sie ab: Wenn Sie nicht einmal die Zeit für eine Mail oder ein kurzes Telefonat erübrigen können, dann ist Ihnen diese Freundschaft offenbar nicht viel wert, dann können Sie sie auch getrost vergessen. Verspüren Sie jedoch beim Gedanken daran ein Unbehagen, ist dies ein klares Zeichen für eine Balancestörung. Nehmen Sie sich also die paar Minuten Zeit für eine Mail, eine Karte oder einen Anruf, damit das Gleichgewicht an dieser Stelle wieder in Ordnung kommt.

Sie sehen, Sie müssen nicht Ihr ganzes Leben umkrempeln, und Großaktionen sind ebenfalls nicht nötig. Viel wirkungsvoller sind kleine Aktivitäten. Nicht die Arbeit stört unsere sozialen Kontakte, sondern unsere falsche Vorstellung von Freundschaft!

 

Gute Freundschaften halten nicht ewig

Manche glauben, dass eine gute Freundschaft ewig halten müsse. Das ist leider ein Irrtum. Freundschaften bedeuten nun mal in der Regel Arbeit und Aufwand. Sie sind kein Geschenk oder eine Selbstverständlichkeit, sondern eine Aufgabe.

Wenn Sie sich diesen Aufwand mit bestimmten Freundschaften nicht machen möchten, dann sollten Sie diese ganz bewusst einschlafen lassen. Eine bewusste, sanfte Beendigung ist etwas ganz anderes, als die Freundschaft unbemerkt einschlafen zu lassen. Das stört in der Regel Ihre Balance, weil Sie die Freundschaft eigentlich nicht missen möchten. Eine Freundschaft jedoch bewusst einschlafen zu lassen, stärkt die Balance dagegen, weil die Freundschaft bislang offensichtlich Mühe und Zeit gekostet hat und Sie zu wenig zurückbekommen haben.

 

Der Ganz-oder-gar-nicht-Irrtum

Viele Menschen denken, dass sich Freundschaften eben nicht so nebenher pflegen lassen. Sie lassen es daher lieber ganz bleiben und verzichten. Eine zwar verständliche Sichtweise, aber leider nicht der Ausdruck dessen, was eine Freundschaft tatsächlich braucht, sondern eher Ausdruck eines übersteigerten Perfektionismus.

Dieser Perfektionismus kommt teuer: Wenn Sie mangels Zeit Ihre Kontakte überhaupt nicht pflegen, haben Sie schnell gar nichts mehr, das Sie pflegen könnten, wenn wieder mehr Zeit zur Verfügung steht. Soziale Kontakte brauchen viel weniger Pflege, als Perfektionisten annehmen. Wenn Sie keine Zeit haben, für Freunde zu kochen, dann gehen Sie wenigstens mal wieder mit ihnen essen.

 

Der Jetzt-erst-mal-Karriere-Irrtum

„Ich muss jetzt erst einmal an meinen Beruf denken, der Rest kommt dann später.“ Vor allem junge Menschen denken oft so. Dann ist man beruflich etabliert, hat ein Haus gebaut und zwei Kinder, und die alten Freunde sind verschwunden. Für neue fühlt man sich zu alt und hat dann nur noch Beruf und Familie. Das treibt nicht wenige mit den Jahren in einen Lebensfrust. Viele wissen dann nicht einmal, warum sie unzufrieden sind, sie merken nur, es fehlt etwas. Nämlich die sozialen Kontakte, die guten Freunde. Diese Rechnung geht also nicht auf.

 

Der Tunnelblick

Work-Life-Balance-RadGerade junge Führungskräfte haben oft derart viel um die Ohren, dass sie ihre sozialen Kontakte einfach aus dem Blickfeld verlieren. Deswegen sollte man sich keine Vorwürfe machen, das ist ganz normal. Tun Sie jedoch folgendes:

Kleben Sie sich Ihr WLB Rad über den Schreibtisch, an den PC oder an eine andere Stelle, an der Sie es ständig sehen können. Sie erinnern sich? Das Rad der Work-Life-Balance, bestehend aus Arbeit, Sozialen Kontakten, Emotionalen Bindungen, intellektueller Entwicklung, Gesundheit und Spiritualität, das wir in einem früheren Artikel bereits ausführlicher betrachtet haben.

Diese Erinnerungsstütze reicht oft aus, um Ihr Gleichgewicht nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Sehen wir das WLB Rad, erinnern wir uns schnell daran, was uns fehlt, und holen es uns! Sehen wir es nicht täglich, merken wir oft erst, was uns fehlt, wenn die Disbalance schon fortgeschritten ist.

 

 

 

 

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